Ersehnte Geborgenheit

Das Sonnenlicht strahlte auf das blütenweiße Pergament. Er konnte kaum darauf blicken, ohne dass ihm die Augen schmerzten. Doch er musste endlich diesen Brief schreiben, er musste jenen daheim endlich sein Verschwinden erklären. Daheim? Wo war er denn wirklich daheim?

Er wendete den Blick vom Pergament ab, lehnte sich zurück. Er saß auf einem einfachen, hölzernen Stuhl, der zusammen mit einem ebensolchen Tisch und weiteren Stühlen im Innenhof des Anwesens stand. Um ihn herum wog saftig grünes Gras in einer leichten Brise, durchsetzt von einigen niedrigen Büschen und all dies auf drei Seiten begrenzt von wunderschönen, augenscheinlich vor nicht allzu langer Zeit fachmännisch erbauten Fachwerkgebäuden.

Athanor atmete tief ein, sog den Geruch des Sommers in sich auf. Er schloss kurz die Augen, hörte das Rascheln des Windes und Zwitschern der Vögel, fühlte den Wind über seine freien Unterarme und sein Gesicht gleiten, spürte die Hitze der hochstehenden Sonne am ganzen Körper.

„Athanor?“

Er hatte sie gefunden Hier, fernab des Breelandes. Er hatte gefunden, was er gesucht hatte, wofür er in Wodesfurch und Mannweg so plötzlich alles liegen und stehen gelassen hatte. Elianes Eltern, Familie Beerentreu. Sie lebten noch, obgleich ganz anders als damals.

„Athanor…?“

Damals, als er Eliane geheiratet hatte, waren ihre Eltern einfache Bauern mit einer kleinen Hütte unweit von Archet. Das war es, was die Heirat so schwierig gemacht hatte. Er, aus gut betuchtem Hause, ein Alanir, gibt sich mit einer einfachen Bauerntochter ab. Mit einer Hure, wie sein Vater sie später genannt hatte.

„Athanor!“

Er schreckte aus seinen Gedanken auf. Vor ihm stand, mit abwartendem Blick und vor der Brust verschränkten Armen, Aliane. Sie war die jüngere Tochter von Elianes Eltern und war nach dem Tode ihrer Schwester und dem einsetzenden Untergang der Familie Alanir mit ihren Eltern verschwunden. Sie war ein Kind von 11 Jahren gewesen, als Athanor sie zuletzt sah, doch nun lächelte ihn eine wunderschöne Frau an. Sie hatte beinahe das gleiche, weiche und junggebliebene Gesicht ihrer Schwester, war im Gegensatz zu ihr jedoch nicht blond sondern hatte lange, braune Haare, die ihr lose über die Schultern fielen.

„Schläfst du, oder was? He, aufwachen! Es gibt Essen, Athanor, komm!“

Sie war inzwischen an ihn heran getreten und zog ein wenig an seinem Arm. Athanor hatte die Augen bereits geöffnet und lächelte sie an. Sie grinste, als sie das bemerkte, ließ seinen Arm wortlos los und ging ins Haus hinein. Er schaute ihr hinterher.

Sie musste inzwischen gut 25 Jahre alt sein. Und obwohl sie Elianes Schwester ist, ist sie doch ganz anders. Eliane wirkte stets bedacht und würdevoll, hatte beinahe einen Hauch von Elbischem an sich, was wohl auch der Grund war, dass sie als Bauerntochter Athanor überhaupt aufgefallen war. Aliane hingegen wirkte viel bodenständiger, ungehemmter und natürlicher. Zudem war sie frecher und kecker. Sie erinnerte ihn ein wenig an Svenijya.

Da fiel ihm der Brief wieder ein. Er musste endliche jene daheim benachrichtigen. Ob sie ihn vermissen? Ob sie nach ihm gesucht hatten? Er verwarf die Vorstellung, Erelya war sicher froh gewesen, Athanor endlich los zu sein. Und da kam wieder die Frage: Wo war er wirklich daheim?

Vor nicht allzu langer Zeit wäre die Antwort ihm leicht gefallen. Im Breeland war er geboren, hatte er gelebt und dort hat er bei Amboss und Feder eine Aufgabe und ein Zuhause. Ganz abgesehen davon, dass er sich dort in der Umgebung ein Haus gekauft hatte, was ihm inzwischen vielleicht gar nicht mehr gehören mag, immerhin war er Monate nicht dort gewesen.

Aber hier, so fernab seiner eigentlichen Heimat, hier fühlte er sich geborgen. Hier war alles wie früher. Und doch anders. Familie Beerentreu lebte heute so, wie Athanors Familie es einst tat und noch heute tun könnte, wenn alles anders gekommen wäre. Sie waren keine einfachen Bauern mehr, sie lebten gut betucht auf einem großen Hof. Zwar waren sie nach wie vor der Landwirtschaft treu geblieben, arbeiteten jedoch nicht länger selbst, sondern ließen arbeiten.

„Athanor! Jetzt reicht es aber, ich sag’s dir jetzt zum letzten Mal. Es gibt Essen! Und wenn du noch länger wartest, ist es kalt!“

Aliane stand im Türrahmen und sah ihn an. Athanor erhob sich von seinem Stuhl, rief ihr ein „Ist ja gut, ich komm‘ ja schon!“ entgegen und ging zur Tür, aus der Aliane bereits wieder verschwunden war. Der Brief wird noch warten müssen.

Er betrat das Haus und ging ins Speisezimmer. Dort saßen Morandor, Ithiane und Aliane Beerentreu am Tisch und hatten bereits mit dem Essen begonnen. Der Raum war hell und kühl, die Kerzen auf dem Tisch waren eigentlich unnötig und tänzelten nur in dem durch die Fenster ziehenden Wind. Athanor blieb stehen und betrachtete diesen Moment.

„Was war denn los?“, fragte Morandor mit angenehmer, fast väterlicher Stimme. „Ach nichts, ich habe nur nachgedacht“, entgegnete Athanor lächelnd. Er zog seinen freien Stuhl zurück, setzte sich und rutschte wieder an den Tisch heran.

Er fühlte sich hier geborgen. Elianes Eltern hatten ihn nach all den Jahren und all dem, was vorgefallen war, ohne auch nur einen Moment zu zögern sofort aufgenommen. Sie waren freundlich, liebevoll und weise mit ihren fast 60 Jahren, sie waren anders als damals, sie waren so, dass Athanor sich fast wünschte, ihr Sohn zu sein und nicht der seiner Eltern.

Draußen im Innenhof strahlte das noch immer leere Pergament im Sonnenlicht und wurde von einer leichten Brise hin- und hergerissen, flog jedoch nicht weg.

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Kategorien: Athanor Alanir | Hinterlasse einen Kommentar

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